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Nigeria. Zeit für ein Gebet

Geschrieben am 09.03.2010 | 18:04 von Benutzer:  JosefBordat JosefBordat

Es gibt für alles eine Zeit.

Es gibt eine Zeit, die Phänomenologie der christliche Existenz zu bedenken. Es gibt eine Zeit, diese christliche Existenz zu schützen und für sie Partei zu ergreifen, die Stimme zu erheben, so laut und deutlich es geht.

Es gibt eine Zeit für die wissenschaftliche Untersuchung ethno-religiöser Konflikte und deren wirtschaftliche, politische und soziale Implikationen. Eine Zeit, das komplexe Geflecht an Einflussfaktoren in der Lebenswelt zwischen Nigerias islamischem Norden und christlichem Süden zu entwirren.

Es gibt eine Zeit für Recherchen und Diskursanalysen. Eine Zeit für Vergleiche zwischen Bibel und Koran. Für den Streit um die richtige Deutung der Schrift. Für Zahlenspiele. Für Fakten und Fiktionen. Für schwarz und weiß. Für Geschichte. Und für Gegenwart. Für Versuche, auf die vielen offenen Fragen in der Berichterstattung deutscher Medien im Kontext der Ereignisse in Nigeria Antworten zu finden.

Es gibt eine Zeit für Spekulationen über die Ursachen, Gründe und Anlässe der neuerlichen Gewalt in Nigeria, der mehr als 500 Christen zum Opfer fielen.

Und, ja: Es gibt eine Zeit des Zorns und der Schuldzuweisung.

Es gibt eine Zeit für die Frage, ob die Quelle solcher Gewalt mit Religion, einer bestimmten Religion oder einer bestimmten Weise, eine bestimmte Religion zu leben, in Verbindung gebracht werden kann. Eine Zeit, den Begriff „Fundamentalismus“ zu bestimmen. Eine Zeit, sich über die Shari’a zu informieren. Meinetwegen auch eine Zeit, an die Kreuzzüge und die Hexenverbrennung zu erinnern, derenthalben man sich als Christ über Ereignisse wie das vom letzten Sonntag erstens nicht zu wundern und zweitens nicht zu beschweren brauche. Eine Zeit, die Frage zu stellen, was Christen überhaupt in Afrika zu suchen haben.

Es mag gar eine Zeit geben, vom Papst Rechenschaft in der Sache zu verlangen.

Es gibt eine Zeit, die Behauptung zu wagen, es geschehe den Christen schon ganz recht, denn so ganz grundlos werde der Übergriff schon nicht gewesen sein. Eine Zeit, diesen Grund nicht im Expansionsstreben des islamischen Nordens zu vermuten, sondern im Unwillen des christlichen Südens, sich erobern zu lassen. Eine Zeit, diesen Übergriff als „Unruhe“, „Kampf“ oder „Zusammenstoß“ zu bezeichnen. Eine Zeit, mal eben zu vergessen, dass Christen zu über 90% Opfer und zu unter 1% Täter religiös motivierter Gewalt sind.

Es gibt eine Zeit, sich zu überlegen, woher solche Haltungen kommen, die Ungleiches gleich, die Opfer zu Tätern machen. Und wohin solche Haltungen führen. Und was man ihnen entgegnen kann.

Für all das gibt es eine Zeit. Es darf, kann und wird sie geben.

Jetzt aber gibt es erst einmal eine Zeit der Trauer.

Und eine Zeit des Gebets.

Mit der Bitte um Gnade, Umkehr und Vergebung für die Täter.

Mit der Bitte um Trost, Kraft und Vertrauen für die Hinterbliebenen.

Mit der Bitte um das ewige Seelenheil für die Opfer.

(Josef Bordat)